Innehalten

Innehalten beginnt dort, wo ein Gefühl nicht mehr automatisch bestimmt, was als Nächstes geschieht.

Über den Moment, in dem ein Gefühl kein Befehl mehr ist

Innehalten ist kein Aufbruch und keine Entscheidung mit Ansage, eher ein kurzer Moment, in dem ein Mensch nicht sofort antwortet, angreift, ausweicht oder weitermacht.

Vieles im Menschen drängt zur Schnelligkeit: Angst, Wut, Scham und auch Gewohnheit. Ein Blick, ein Satz, ein bestimmter Tonfall – und schon ist die alte Bewegung da: anpassen, erklären, schlucken, angreifen, verschwinden.

Innehalten unterbricht diese Kette.

Nicht für immer und nicht vollständig, aber für einen Augenblick. Manchmal reicht dieser Augenblick, damit etwas nicht wieder genauso geschieht.

Ein Gefühl ist wirklich, aber es ist kein Befehl.

Nicht jede Anspannung ist ein Auftrag. Nicht jede Angst heißt: Geh. Nicht jede Wut bedeutet: Schlag zurück. Und nicht jede Scham verlangt: Verschwinde.

Oft sagt ein Gefühl zunächst nur:

Hier ist etwas.

Innehalten ist der Moment, in dem ein Mensch das bemerkt, ohne sofort gehorsam zu werden.

Wer lange unter Druck gelebt hat, kennt zwischen Erleben und Reagieren oft kaum noch Abstand. Was sich im Körper regt, wird unmittelbar zur Bewegung: erklären, beschwichtigen, fliehen, angreifen oder weitertragen.

Innehalten schafft einen Raum zwischen dem, was geschieht, und dem, was daraus folgen muss.

Nicht als Komfortzone, eher als Zumutung.

Denn im Innehalten wird nichts sofort besser. Oft wird zunächst nur deutlicher, was sonst überdeckt, geregelt oder überspielt wurde.

Aber ein Gefühl muss nicht mehr allein bestimmen, was als Nächstes geschieht.

Innehalten heißt deshalb nicht, ruhig zu sein, sondern für einen Moment nicht aus sich selbst zu verschwinden.

Es ist der kurze Augenblick, in dem ein Mensch wahrnimmt:

Ich spüre, was hier gerade mit mir geschieht.

Und ich muss nicht sofort darauf reagieren.

Von außen sieht das klein aus. Von innen kann es eine ganze Bewegung verändern.

Denn genau hier wird etwas möglich, das vorher keinen Raum hatte:

Wahl.