Liebe
Liebe macht einen Menschen nicht mächtiger – sie zeigt, wie menschlich er ist.
Über Freiheit, Nähe und Verantwortung
Vielleicht heißt, einander zu lieben, die Dinge dort zu lassen, wo sie hingehören.
Liebe braucht Freiheit. Wie sollte sie sonst existieren?
Liebe ist frei, aber nie folgenlos. Entscheidend ist, was ein Mensch daraus macht.
Als Gefühl ist sie bedingungslos. Daraus folgt kein bedingungsloser Zugang zum Leben eines anderen, nicht zu seinem Körper und auch nicht zu seiner Kraft.
Sie ist keine Belohnung für gutes Verhalten und keine Generalamnestie für Verantwortungslosigkeit. Ebenso wenig ist sie ein Rettungsauftrag: Sie gibt kein Zugriffsrecht und verpflichtet nicht zur Selbstaufgabe.
Ein Mensch wird nicht erst liebenswert, wenn er sich selbst im Griff hat, vernünftige Entscheidungen trifft oder gesund, verlässlich und leicht zu lieben ist.
Liebe befreit auch nicht von Verantwortung. Sie hebt die Folgen einer Entscheidung nicht auf, nimmt einem Menschen die Verantwortung für sein Leben nicht ab und verlangt nicht, dass ein anderer trägt, was bei ihm selbst bleiben muss.
Liebe braucht keine Bedingungen.
Nähe schon.
Nähe braucht Verantwortung, die ihren Platz kennt, damit bei jedem das Eigene bleibt: die eigenen Entscheidungen, die Art, mit sich selbst umzugehen, und die Folgen des eigenen Handelns ebenso wie die eigenen Grenzen, die eigene Sicherheit und die Entscheidung, zu bleiben oder zu gehen.
Verantwortung lässt sich verschieben.
Die Folgen davon nicht.
Liebe kann einseitig sein. Gelebte Nähe darf nicht davon leben, dass nur einer darin vorkommt.
Liebe macht einen Menschen nicht mächtig über das Leben eines anderen. Sie kann nicht verhindern, dass jemand krank wird, sich selbst verliert oder Entscheidungen trifft, deren Folgen kein anderer für ihn tragen kann. Sie kann keinen Menschen dazu bringen, zurückzulieben, und sie kann ihn nicht vor allem schützen, was ihm durch andere geschieht.
Das macht die Liebe nicht unwahr.
Es macht sie menschlich.
Vielleicht heißt lieben, wirklich zu sehen, ohne nach dem anderen zu greifen: einen Menschen zu wählen, ohne ihn festzuhalten, ohne wegzusehen und ohne sich selbst dabei zu verlassen.
Liebe kann um Endlichkeit wissen und trotzdem leicht werden.
Wenn zwei wissende Hände sich berühren.
Wenn Blicke sich finden und das Herz in der Brust hüpft.
Wenn sich ein Lächeln in die Mundwinkel schleicht.
Wenn man weiß: Egal, wie absurd der eigene Humor ist - der andere geht mit.
Liebe braucht keine Zukunft, um wahr zu sein.
Ein gemeinsames Leben braucht Verlässlichkeit, Kontinuität und eine gemeinsame Richtung. Die Wahrheit eines Moments ist aber nicht davon abhängig, ob daraus ein Lebensentwurf wird.
Vielleicht ist Nähe ohne Illusionen die ehrlichste Form von Liebe: ungeschminkt, ungekünstelt und ohne Kulisse.
Dort, wo niemand zum Projekt wird, nichts verschönert werden muss und niemand gerettet werden soll. Dort, wo ein Mensch einfach sein darf.
Nicht, weil Liebe das Offensichtliche übersieht, sondern weil sie es nicht zur einzigen Wahrheit über einen Menschen macht - und weil sie nicht verwechselt, was so verdammt leicht verwechselt wird:
einen Menschen zu lieben
und sein Leben für ihn tragen zu müssen.
Und manchmal bleibt schlicht die Erkenntnis:
Liebe ist ein Gefühl.
Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.